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Donnerstag, 6. Mai 2010, 09:53

Die lieben Griechen

Nicht auf meinem Mist gewachsen:

Ein Beschwerdebrief von Stern-Autor WALTER WÜLLENWEBER

"Liebe Griechen!
Kennt Ihr das bei Euch auch, eine Tante, die einem die ganze Kindheit und Jugend hindurch
das Sparschwein füttert? Beim ersten Fahrrad, dem ersten Radio, der ersten Urlaubsreise -
immer gibt sie ein paar Scheine dazu. Und dafür verlangt sie nichts weiter als ab und zu mal
ein freundliches Dankeschön. Liebe Freunde, dies ist ein Brief von Eurer Geldtante. Keine
Angst, Ihr müsst nicht Danke sagen. Das Einzige, was wir uns wünschen, ist: Versetzt Euch
mal in unsere Lage.
Seit 1981, seit 29 Jahren, gehören wir zur selben Familie, zur EU. Kein anderes
Familienmitglied hat in dieser Zeit so viel Geld in die Gemeinschaftskasse gesteckt wie wir,
nämlich netto rund 200 Milliarden Euro. Und pro Nase hat kaum einer so viel bekommen wie
Ihr, zusammen netto fast 100 Milliarden. Rund die Hälfte also von dem, was wir in den
EUTopf gekippt haben, habt Ihr mit großer Kelle abgeschöpft. Oder anders ausgedrückt:
Rein rechnerisch haben wir Deutschen mit den Jahren jedem von Euch Griechen, vom
Säugling bis zum Greis, über 9000 Euro geschenkt. Einfach so. War doch nett, oder?
Freiwillig hat wohl noch nie ein Volk ein anderes über einen so langen Zeitraum so großzügig
unterstützt Ihr seid fürwahr unsere teuersten Freunde.
Wie es uns dabei ging, in all den Jahren, das habt Ihr nie gefragt. Ich vermute, auch heute
brennt Ihr nicht gerade darauf, etwas über unsere Sorgen zu erfahren. Ich erzähle es Euch
trotzdem: Unsere Straßen sind so löchrig wie antike Bauwerke, weil uns das Geld für die
Instandhaltung fehlt. Bibliotheken und Schwimmbäder werden geschlossen. Manche Städte
schalten nachts jede zweite Straßenlaterne aus, weil sie die Stromrechnung nicht bezahlen
können. Im Gegensatz zu Euren steigen unsere Löhne seit der Einführung des Euros
praktisch gar nicht mehr. Und jetzt sollen wir auch noch Euch Griechen retten. Die Sorgen
um Euch, die haben uns gerade noch gefehlt.
Ihr habt Euch unser Misstrauen redlich verdient: Im Sommer fackelt Ihr regelmäßig dieses
schöne Land ab, das Gott Euch geschenkt hat Und dann ruft Ihr nach unserer Feuerwehr,
weil Ihr es nicht allein gelöscht kriegt. Ihr wollt alle in den öffentlichen Dienst, aber keiner will
Steuern zahlen. Wenn auch nur ein Teil der Berichte stimmt, die wir in den vergangenen
Wochen lesen mussten, dann seid Ihr offenbar nur bereit zu arbeiten, wenn Ihr dafür
Schmiergeld bekommt. Vor allem Eure Ärzte und das Krankenhauspersonal langen kräftig
zu.
Ihr betrügt Euch also gegenseitig, wo Ihr nur könnt. Das kann uns egal sein. Doch Ihr betrügt
auch uns. Seit vielen Jahren. Das ist uns nicht egal.
Ihr kassiert für mehr Olivenbäume EU-Subventionen, als in Euer Land passen. Offenbar
versteht Ihr doch was von Buchführung, denn um die Stabilitätskriterien für den Euro zu
erfüllen, habt Ihr Eure Bücher so systematisch und geschickt gefälscht, dass die Brüsseler
nichts gemerkt haben. In Wahrheit habt Ihr den Euro nie verdient. Trotz Eurer erschwindelten
Daten ist es Euch seit der Einführung des Euro noch nie gelungen, die Stabilitätskriterien zu
erfüllen. Um Eure Wirtschaft größer erscheinen zu lassen, habt Ihr Euch 2006 einen
hübschen
Taschenspielertrick einfallen lassen und kurzerhand die Erlöse aus Geldwäsche,
Rauschgifthandel und Schmuggel in die jährliche Wirtschaftsleistung Eurer stolzen Nation
eingerechnet.
Über Jahrzehnte mehr Geld ausgeben, als man sich erarbeitet, wie selbstverständlich auf
Kosten von anderen zu leben, laufend betrügen und tricksen - das kann nicht ewig gut
gehen. Irgendwann bricht das Kartenhaus zusammen. Irgendwann ist jetzt. Streng
genommen seid Ihr pleite.
Macht Euch keine Illusionen. Wenn Angela Merkel verspricht, „Griechenland wird nicht allein
gelassen", dann geht es unserer Kanzlerin und uns Deutschen nicht mehr um Euch
Griechen.
Unsere Sorge gilt allein unserer eigenen Zukunft Das Unglück ist nur: Wir sind an Euch
gekettet. Wenn Ihr untergeht, zieht Ihr uns mit unter Wasser. Zum Beispiel durch die 300
Milliarden Schulden, die Ihr mit den Jahren aufgetürmt habt. Rund 30 Milliarden davon
gehören den Sparern bei deutschen Banken, in Form von Staatsanleihen. Ob Ihr das jemals
zurückzahlen werdet? Euretwegen geht der Euro in die Knie. Uns droht die Inflation. Das
bedeutet: was deutsche Sparer auf dem Sparbuch oder in Lebensversicherungen für die
Zukunft zurückgelegt haben, wird immer weniger wert. Wegen Euch. Solche Gedanken sind
Euch natürlich fremd, denn sparen oder investieren ist nicht Euer Ding. Ihr haut die Euros
lieber raus. In der EU seid Ihr Griechen das Volk, das von seinem Geld den größten Anteil
für den Konsum verprasst.
Die Regierungschefs der EU haben zwar beschlossen, dass Ihr keine direkten Finanzhilfen
bekommen sollt. Erst mal. Doch Ihr braucht Hilfe. Und in der EU bedeutet Hilfe am Ende
immer Geld, genauer: unser Geld.
So langsam wird uns Deutschen klar: Zuerst mussten wir die Banken retten, jetzt müssen wir
Euch Griechen retten und schließlich alle Länder mit einer Schweinewirtschaft -die „PIIGS",
Portugal, Italien, Irland, Griechenland, Spanien. Ein Staatsbankrott eines dieser Länder,
darin sind sich die Experten ausnahmsweise einig, wäre eine Tragödie, die selbst die
Bankenkrise wie ein Lustspiel erscheinen ließe.
Kluge deutsche Staatsrechtler haben schon vor der Einführung des Euro gewarnt: Die
Wirtschaftsunion kann ohne die politische Union nicht funktionieren. Sie hatten recht. Jetzt
erkennen wir das dramatische Demokratie-Defizit. Wir Deutschen sind von den
Entscheidungen der Regierung Griechenlands abhängig. Aber wir können sie nicht wählen.
Ihr Griechen könnt sie wählen, aber Ihr habt ganz andere Interessen. Wir wollen, dass Euer
Ministerpräsident Georgios Papandreou sein Sparprogramm durchzieht. Mindestens. Besser
wär's, wenn er beim Reformieren noch einen Zahn zulegte. Aber Ihr wollt das ganz
offensichtlich nicht. Ihr macht, was Ihr immer macht: Ihr streikt. Letzte Woche der öffentliche
Dienst, nächste Woche alle, Generalstreik. Liebe, teure Griechen, wenn Ihr nächste Woche
auf die Straße geht, dann streikt, dann demonstriert, dann protestiert Ihr nicht gegen Eure
Regierung, sondern gegen uns. Dem Zorro, der Euch stets gerettet hat und weiter retten soll,
dem versetzt Ihr einen Tritt zwischen die Knie.
Liebe griechische Finanzbeamte, geht nächste Woche bitte nicht streiken, sondern treibt
endlich mal die Steuern Eurer Millionäre ein, von denen Ihr bislang fürs Wegschauen so
fürstlich entlohnt werdet.
Liebe griechische Ärzte, geht nächste Woche bitte nicht streiken, sondern behandelt Eure
Patienten. Von jetzt an, ohne vorher um einen Geldumschlag zu bitten. Und dann versteuert
einfach Euer Einkommen. Ja, dann könnt Ihr Euch den nächsten Porsche erst ein Jahr
später bestellen. Ihr werdet es überleben.
Liebe Rentner Griechenlands, wenn bei uns jemand sein ganzes Leben lang gearbeitet hat,
bekommt er nicht mal 40 Prozent seines durchschnittlichen Einkommens als Rente. Damit
sind wir auf dem viertletzten Platz der OECD-Länder. Und wer ist auf Platz eins? Richtig: Ihr.
Über 95 Prozent Eures durchschnittlichen Einkommens gönnt Ihr Euch als Rente. Um das
hinzukriegen, greift Ihr wieder in die Trickkiste: Ihr bezieht einfach die Rentenhöhe nicht aufs
ganze Leben, sondern nur auf die letzten drei bis fünf Arbeitsjahre. Darum ist es bei Euch
üblich, dass der Arbeitgeber den Lohn am Ende noch mal kräftig erhöht Von dem Geld, mit
dem wir Euch fast 30 Jahre lang gesponsert haben, gönnt Ihr Euch eine komfortablere
Altersversorgung, als wir uns leisten können. Findet Ihr das gerecht? Also, liebe Rentner in
Griechenland: Ihr seid die Generation, die diese Misere verursacht hat. Jetzt haltet mal die
Füße still, geht nicht demonstrieren, und lasst Eure Regierung die Sparpläne durchziehen.
Und, liebe Bürger Griechenlands, redet Euch nicht damit heraus, Eure Politiker seien allein
schuld an der Katastrophe. Ihr habt doch die Demokratie erfunden und solltet wissen, dass
Ihr, das Volk, regiert und damit verantwortlich seid. Niemand zwingt Euch, Steuern zu
hinterziehen, Schmiergelder anzunehmen, gegen jede vernünftige Politik zu streiken und
korrupte Politiker zu wählen. Politiker sind Populisten. Die machen genau, was Ihr wollt.
Sicher werdet Ihr jetzt einwenden: Ihr Deutschen, Ihr seid doch auch nicht viel besser.
Stimmt.
Ein Rentensystem, dem kaum einer noch traut, Beamtenpensionen, von denen niemand
weiß, wie sie in der Zukunft bezahlt werden sollen, ein Steuersystem, das so aussieht, als
hätten erfahrene Hinterzieher es sich ausgedacht, und vor allem ein Schuldenberg, der
irgendwann ins Rutschen gerät und alles unter sich begräbt -genau diese Probleme haben
wir auch. Und Ihr seid uns auf diesem Pfad der Untugend nicht so weit voraus, wie viele
glauben.
Früher habt Ihr Griechen uns den Weg gewiesen, habt der Welt die Demokratie, die
Philosophie und das erste Verständnis für Nationalökonomie beigebracht. Jetzt weist Ihr uns
wieder den Weg. Nur ist es diesmal der Irrweg. Da, wo Ihr seid, geht's nicht weiter.
Herzliche Grüße,
Walter Wüllenweber
PS: Meldet Euch doch mal! Über eine Antwort würden wir uns freuen."
Man kann nicht alles haben. Wo sollte man es auch hintun?

2

Donnerstag, 6. Mai 2010, 12:54

Lob

Wunderbar!

Auf wessen Mist der Artikel gewachsen ist, ist mir egal. Er ist einfach gut. Das war auch das Fazit des gestrigen Plasberg. Die Titanic hätte auch nicht gerettet werden können, wenn wir alle zu ihr geschwommen wären.

Die Frage ist nur, wie kriegen wir 10 Mio Griechen zu den Stadtmännchen????

  • »Krem-Browning« ist weiblich

Beiträge: 315

Wohnort: Hexendorf

Beruf: Engelstrompete

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3

Donnerstag, 6. Mai 2010, 16:30

Ich finde, das ist so ziemlich einseitige Darstellung. Zweifelsohne stimmt es , dass die Griechen was aus ihrem Land machen könnten. Olivenöl, Obst, Gemüse, Tourismus des guten Klima wegen, Tourismus des kulturellen Schätzen wegen und so weiter, und so weiter, und so weiter. Da sollte man schon vernünftige Wirtschaft aufbauen können. Und dass Deutschland jetzt für griechische Schlamperei und Betrügerei bezahlen soll, ist stink ärgerlich.

Das ist aber voll daneben, dass in Deutschland DESWEGEN die Straßen löchrig sind und die Schwimmbäder und die Bibliotheken geschlossen werden. Die Mittel für Straßen und Bibliotheken fehlen, weil die Steuergelder in marodes Rechtssystem bzw. UNrechtssystem gesteckt werden, weil absolut unfähige Beamten jahrzehntelang satt entlohnt werden ohne irgendwelche Leistung für Deutschland zu bringen, weil die korrupte Manager die Unternehmen gegen die Wand fahren, dafür in Millionenhöhe entlohnt werden und die Mitarbeiter landen auf die Straße und in Hartz IV. Ich könnte auch das Bildungssystem erwähnen, das das Geld frisst ohne am Ende irgendwelche nennenswerte Ergebnisse zu bringen, und noch vieles mehr.

FAKT IST: Es hilft nicht, wenn aus Griechenland jetzt ein Sündenbock gemacht wird, der für unsere innenpolitische Probleme verantwortlich sein sollte. Dabei, wie gesagt, finde ich das verhalten von Griechenland falsch. Es hilft nur nicht, wenn auf das falsche Verhalten von Griechenland das ganze Unheil der Welt verschoben wird.
Die Quanten sind doch eine hoffnungslose Schweinerei!

4

Freitag, 7. Mai 2010, 00:42

Die Frage ist nur, wie kriegen wir 10 Mio Griechen zu den Stadtmännchen????
Naja....

ich schreibe ne Rundmail.
Man kann nicht alles haben. Wo sollte man es auch hintun?

  • »Krem-Browning« ist weiblich

Beiträge: 315

Wohnort: Hexendorf

Beruf: Engelstrompete

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5

Freitag, 7. Mai 2010, 10:37

Ein Kommentar aus ZEIT (als Beispiel einer anderen Sichtweise):

24. Geht's noch?!


"Die Griechen haben sich seitdem in regelrechte Betrüger,
Lügner und Verleumder gegeneinander gewandelt. Dies betrifft sogar die
grosse Mehrheit des Volkes. Es ist weit bekannt, dass viele Griechen
ihren Steuerpflichten kaum nachgehen."


Ist es auch bekannt, dass 2/3 der griechischen Bevölkerung zwischen
500-800 Euro netto verdient und das die Lebenshaltunskosten teilweise
höher sind als in Deutschland?


Ist es auch bekannt, dass wir uns in einer WELTWEITEN
Wirtschaftskrise befinden?


Ist es auch bekannt, dass der grieschische Mart derart derreguliert
worden ist, dass nur einige große Firmen das Sagen haben?


Ist es auch bekannt, dass einige Politiker von Siemens geschmiert
werden?


Ist es auch bekannt, dass das die Auswirkungen des neoliberalen
Systems in einem kleinen Land mit 11 Mio Einwohnern am schnellsten
sichtbar werden?


Ist es auch bekannt, dass die Militärausgaben dadurch begründet sind,
dass ein bestimmtes Nachbarland STÄNDIG den griechischen Luftraum
verletzt in dem es mit Kampfjets Touristeninseln überfliegt? Und Europa
guckt zu? Nein, es guckt nicht nur zu, das stäkste Land Europas, nämlich
Deutschland heizt noch ein und verkauft seine Waffen an beide Seiten.


Herr Klimatsakis, wenn Ihnen das alles nicht bekannt ist, dann rate
ich Ihnen sich in die Sonne zu legen und in sich zu gehen.

http://community.zeit.de/user/pavlos-kli…#comment-681391
Die Quanten sind doch eine hoffnungslose Schweinerei!

sunnyboy

unregistriert

6

Sonntag, 9. Mai 2010, 00:31

an kremige Handfeuerwaffe:





Ist uns allen bekannt 8)

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