Sie sind nicht angemeldet.

81

Montag, 11. September 2017, 19:45

Der verbale Schlagabtausch zwischen der Türkei und Deutschland -und vice versa- erinnert mich immer mehr an krakeelende Sandkastenschlachten um Schüppchen und Förmchen. Wenn's dabei nur nicht um Menschen ginge, die leichtfertig auf dem Altar protzender Rechthaberei geopfert werden ...

Statt markiger Worte, die gern verschleiern, wie prächtig die Waffengeschäfte zwischen beiden Ländern weiterhin laufen, wäre vielleicht einmal angezeigt, nicht auf jede Provokation zu reagieren und sich mehr mit den (Hinter-)Gründen der Erdoğan'schen Politik zu befassen. Das täte nicht nur unserem Geschichtswissen gut, es könnte auch helfen, Beweggründe und Vorgehensweisen der neueren türkischen Politik besser zu verstehen, sie einzukalkulieren und ihnen zu begegnen.


Zitat

Manipulativ verklärtes Osmanentum
Erdogan und die Sultane

Gastkommentar von Oliver Jens Schmitt 11.9.2017, 05:30 Uhr

Bei seiner konservativen Revolution in der Türkei setzt Recep Erdogan auf die Idealisierung der Vergangenheit. Dabei ging das Osmanische Reich ausgerechnet an jenem politischen Islamismus zugrunde, den er propagiert.

Abdul Hamid II (1876–1909), der letzte echte osmanische Sultan, ist eines von Erdogans Vorbildern. (Bild Ullstein)

«Fetih, der Eroberer», heisst ein 2012 gedrehter Film, der mit 16 Millionen Dollar Produktionskosten zu den teuersten Filmprojekten der modernen Türkei gehört. In üppigen Bildern und Computeranimationen feiert er die Eroberung Konstantinopels durch den osmanischen Sultan Mehmed II. am 29. Mai 1453. Als er in die Kinos kam, wunderten sich westliche Beobachter über die offenkundige Geschichtsklitterung und den stark islamischen Unterton der Darstellung. Zeitgleich eroberte die türkische Fernsehserie «Das prächtige Jahrhundert», auch als «Süleyman der Prächtige» bekannt, Zuschauer in 47 Ländern des Balkans und des Orients. Sie vermittelt ein opulentes Bild des Imperiums im 16. Jahrhundert.
In der Rückschau kann dies als Instrumentalisierung imperialer Vergangenheit durch die in Ankara herrschenden Islamisten verstanden werden. Neo-Osmanismus ist dabei das Schlagwort, mit dem die Politik der regierenden AKP oft beschrieben wird. In Verbindung gebracht wird es mit dem früheren Aussenminister Ahmet Davutoglu, aber auch mit AKP-Propaganda nach innen. Was hat es damit in der türkischen Politik auf sich?

Glanz aus Versatzstücken

Wenn sie frühere Provinzen des Osmanischen Reiches bereisen, berufen sich türkische Spitzenpolitiker der Regierungspartei AKP seit Jahren auf dessen Erbe: Davutoglu verkündete 2009 in Bosnien, das Imperium sei eine Erfolgsgeschichte gewesen, die es zu erneuern gelte. 2013 erklärte Recep Tayyip Erdogan in Prizren, Kosovo sei die Türkei und die Türkei sei Kosovo. 2015 überführten türkische Soldaten die Gebeine des angeblichen Grossvaters des Dynastie-Gründers Osman aus Syrien in die Türkei. Derartige Akte begleiten eine verstärkte türkische Einflussnahme in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft von Nachfolgestaaten des Imperiums am Balkan und im Nahen Osten. Eine eigentliche neo-osmanische Doktrin für die Aussenpolitik hat die Türkei bisher aber nicht formuliert.
Davutoglu verkündete 2009 in Bosnien, das Imperium sei eine Erfolgsgeschichte gewesen, die es zu erneuern gelte.
Bei der Analyse der Geschichtspolitik des türkischen Regimes ist zwischen Innen- und Aussenpolitik zu unterscheiden. In beiden Fällen will die AKP ein äusserst positives Bild des Osmanischen Reiches vermitteln. Dies erfolgt in mehreren Ausprägungen: Das Osmanische Reich als glänzende Weltkultur. Das Osmanische Reich als islamisches Imperium. Das Osmanische Reich als furchterregende Militärmacht. Das Osmanische Reich als multikulturelles und im Vergleich zum Westen offenes und tolerantes Imperium.

Aus diesen Versatzstücken wählt die regierende türkische Elite je nach Adressat der Botschaft. Nach innen hin wird ein eindeutiges Bild vermittelt, eines starken islamischen Reiches türkischer Nation, einer eurasischen Macht und Zivilisation mit Zentrum in Istanbul. Entsprechend wird in Architektur, politischer Inszenierung und Erinnerungskultur osmanisiert. Der 29. Mai etwa ist mit aufwendigen Kundgebungen zur Eroberung ein Fixpunkt im politischen Kalender geworden. Der Staatspräsident umgibt sich auch gerne mit Soldaten in historischen Uniformen.

Nach aussen hin werden in die Nachfolgestaaten und den Westen unterschiedliche Botschaften ausgesandt: Die islamisch geprägten Länder des Balkans werden mit Hinweis auf ein grosses gemeinsames Erbe umworben, das offenkundig kontrastiert mit der bescheidenen Kleinstaaterei von heute. Islam und imperialer Glanz, aber auch gemeinsame militärische Erfolge, sind Elemente dieses Diskurses mit klar antiwestlicher Stossrichtung. In heute christlich geprägten Nachfolgestaaten wird mit Machtentfaltung und antiwestlichen Untertönen gearbeitet. Mit Blick auf den Westen wird anders argumentiert: Entworfen wird das Bild des toleranten, zivilisatorisch überlegenen, weltoffenen Reiches, dem ein konfessionell verengtes, Andersgläubige verfolgendes Abendland gegenübergestellt wird.

Postkoloniale westliche Befangenheit

In allen Fällen nützt die AKP geschickt die Revision negativer Stereotypen über die Osmanen. Diese aufgrund historischer Forschung zu korrigieren, ist seit Jahrzehnten ein Anliegen liberaler Historiker am Balkan, aber auch zahlreicher westlicher Forscher. Doch ist die AKP daran interessiert, das einseitig schwarze durch ein einseitig weisses Bild zu ersetzen. Postkoloniale und postmoderne Befangenheit im Westen erleichtern ihr diese Aufgabe. Denn es kann die Rehabilitierung einer zu Unrecht marginalisierten und subaltern behandelten islamischen Zivilisation behauptet werden.

Freilich hat die türkische Geschichtspolitik kaum etwas mit der historischen Wirklichkeit zu tun. Vor allem aber sieht sie die Gründe für Niedergang und Scheitern des Osmanenreiches hinweg. Kernelemente der Erdogan'schen Erinnerungspolitik sind: die Eroberungsphase (14. bis 16. Jahrhundert), islamischer Charakter und Toleranz sowie der Bezug auf Sultan Abdul Hamid II (1876–1909).

Die AKP ist daran interessiert, das einseitig schwarze durch ein einseitig weisses Geschichtsbild zu ersetzen.

Wer wie Davutoglu die osmanische Vergangenheit auf dem Balkan als «Erfolgsgeschichte» bezeichnet, blendet die enormen demografischen Folgen der sich über fast eineinhalb Jahrhunderte erstreckenden Eroberung aus, deren wirtschaftlicher Hauptmotor Menschenraub und Sklavenhandel waren. Die Etablierung osmanischer Herrschaft auf dem Balkan erfolgte zum Preis der weitgehenden Zerrüttung christlicher Gesellschaften und Kulturen. Während nach innen der islamische und militärische Charakter dieser Expansion propagandistisch im Sinne der islamistischen AKP-Ideologie offen eingesetzt wird, wecken derartige Diskurse auch bei Teilen der muslimischen Bevölkerung auf dem Balkan, gerade bei Albanern, gemischte Gefühle.

Die Vorstellung osmanischer Toleranz gegen Christen und Juden spielt in der AKP-Propaganda nach innen hin kaum eine Rolle. Sie richtet sich nach Westen und geht Hand in Hand mit Vorwürfen vermeintlicher Islamophobie in europäischen Gesellschaften. Gerne werden die europäischen Glaubenskriege und vermeintliche Glaubensharmonie im Osmanischen Reich gegenübergestellt. Dabei war das 17. Jahrhundert bei den osmanischen Muslimen eine Zeit radikaler religiöser Verhärtung, unter der Christen wie als heterodox angesehene Muslime verfolgt wurden. Die christliche Bevölkerung wurde auch in ruhigeren Zeiten systematisch zurückgesetzt und litt unter endemischer Rechtsunsicherheit. Bei einem genaueren Blick eignet sich die Religionspolitik der Osmanen kaum als Argument für zivilisatorische Überlegenheit.

Unfähig zur Reform

Auf Sultan Abdul Hamid II. bezieht sich der türkische Staatspräsident besonders gerne und häufig. Er war die «bête noire» der kemalistischen Türkei und wird nun von der AKP rehabilitiert: ein absolut herrschender Autokrat, der die Verfassung von 1876 ausser Kraft gesetzt hatte, sich ganz auf den Sicherheitsapparat stütze und den Islam als politische Ressource mobilisierte, indem er seinen Status als Kalif im Sinne eines Panislamismus zur Absicherung seiner Herrschaft gegen die aufkeimenden Nationalismen von Muslimen (Arabern, Albanern, Türken, Kurden) benützte. Unter ihm kam es 1894 bis 1896 zu den ersten grossen Massakern an der armenischen Bevölkerung mit Zehntausenden Toten. Erdogan sieht sich als neuen Abdul Hamid. Die Gegner des Sultans, so die Propaganda, seien auch heute die Feinde der Türkei: nach Westen blickende Reformer, aus denen sich die Kemalisten entwickelten, sowie die westlichen Mächte.

Die AKP blendet die Gründe und die Begleitumstände des spätosmanischen Scheiterns völlig aus.
Das Geschichtsbild der AKP blendet aber im Falle Abdul Hamid nicht nur Despotismus und Massenmord aus, sondern auch den offenkundigen Zerfall des Osmanischen Reiches, der 1908 einen Militärputsch der sogenannten Jungtürken und 1909 die Absetzung des Monarchen hervorrief. Das Imperium scheiterte gerade an jenem politischen Islamismus, den Erdogan heute feiert: technologisch und wirtschaftlich hinter den Westen zurückgefallen, wollte es sich im 19. Jahrhundert reformieren.

Die dafür notwendige Gleichberechtigung der in vielen Reichsteilen bedeutsamen, auf dem Balkan majoritären christlichen Bevölkerung wurde aber von den osmanischen Muslimen vehement bekämpft. Zu tief war ein jahrhundertealtes Überlegenheitsgefühl mental verankert. Die nationale Emanzipation der Christen förderte auch einen Nationalismus von muslimischen Türken und Albanern, die vom Panislamismus nicht mehr erreicht wurden. Die Integrationskraft des Reichs, äusserst gering bei Christen, versagte zunehmend auch bei den reichstragenden Muslimen.
Der türkische Nationalismus, der im kulturell gemischten Anatolien seine Heimstatt erblickte, war einer der Hauptfaktoren von Genozid und Vertreibung von Millionen Christen in Kleinasien. Das Osmanische Reich wurde im Ersten Weltkrieg von den Entente-Mächten besiegt. Aus seinen Trümmern entstand die kemalistische Türkei, die die AKP geschichtspolitisch bekämpft. Sie blendet dabei die Gründe und die Begleitumstände des spätosmanischen Scheiterns aus: den Despotismus eines Sultans-Kalifen, jahrzehntelange Reformverweigerung, weitgehende wirtschaftliche Abhängigkeit vom Ausland, die Niederlage im Weltkrieg und Völkermord.

Die Nachfolgestaaten des Osmanischen Reiches bilden heute einen Krisenbogen vom Balkan bis in den Nahen Osten. Säkularer Rechtsstaat, Verfassung, starke Institutionen, Parlamente, religiöse Gleichberechtigung, kohärente Infrastruktur- und Wirtschaftspolitik – nichts davon hinterliess das Imperium, und die Menschen in den betroffenen Ländern wissen dies. Politisch relevante Osmanen-Nostalgie gibt es ausserhalb türkisch finanzierter Zirkel kaum. Die Osmanische Kultur hat in der Frühen Neuzeit gewiss Grosses geleistet. Als ganzes dient sie dem Machthaber in Ankara auch gar nicht als Vorbild. Vielmehr wählt er Versatzstücke zur Legitimierung jenes Systems aus, das er anstrebt: ein autoritär islamistisches Regime unter einem sultansgleichen Herrscher.
Oliver Jens Schmitt ist Professor für Geschichte Südosteuropas an der Universität Wien.
Quelle: 'NZZ'

82

Freitag, 15. September 2017, 13:11

Ach, wäre es doch einfach nur komisch ... :| :S




(Klaus Stuttmann)

83

Montag, 23. Oktober 2017, 17:18

Verstehe einer die Türken! Mit diesem Stoßseufzer bin ich sicher nicht allein. :rolleyes:

Vielleicht kommen wir durch
Bülent Mumays "Brief aus Istanbul" zu neuen Erkenntnissen? Jedenfalls ist er ebenso selbstironisch-informativ, wie unterhaltsam. :thumbup:

Zitat

Brief aus Istanbul: Wie man Cola hinrichtet und Apfelsinen ersticht
  • Von Bülent Mumay

Wenn Erdogan ein anderes Land kritisiert, sind seine Landsleute mit von der Partie.
Bild: AFP

Kühe werden ausgewiesen und bestimmte Frisuren sind ein No-Go: Wenn sich die türkische Regierung gegen ein anderes Land ausspricht, machen alle mit. Warum ist das so?

Auf die Frage, was typisch türkisch sei, erhalten Sie vermutlich in jedem Land andere Antworten. Aufgrund der politischen Spannungen dürfte es derzeit vermehrt negative Antworten geben. Weltbürger aber, die die Türkei bereist oder mit Türken Zeit verbracht haben, können sich wahrscheinlich auf folgende Eigenschaft einigen – Gastfreundschaft.
Dieses Attribut ist natürlich nicht allein den Türken zu eigen. Doch ohne Übertreibung lässt sich wohl sagen: Sie ist unser hervorstechendstes Merkmal. Wir zögern keine Sekunde lang, unseren Gästen behilflich zu sein, ihnen unsere Türen zu öffnen und unser Brot mit ihnen zu teilen.

Gibt es wohl in irgendeiner anderen Sprache einen Ausdruck wie „Gottesgast“? Es gibt bei uns die Tradition, stets einen leeren Teller mehr auf den Tisch zu stellen, für den Fall, dass unvermutet ein Gast eintrifft. Einen Besucher nehmen wir mit offenen Armen auf und betrachten ihn als einen von uns. Dass wir uns so schnell für jemanden erwärmen, ihn aufnehmen und die Türen weit öffnen, hat leider auch eine Kehrseite: Ärgern wir uns über einen Gast oder jemanden, den wir als Freund betrachten, sehen wir schnell rot. Dann weicht Lächeln der Wut, Türen werden zu Mauern. So rasch wir uns anfreunden, so rasch hassen wir auch. Hier zeigt sich eine der Grundwahrheiten der Soziologie: Unsere Eigenarten auf der Mikroebene wirken sich böse auf unsere Makrostruktur aus.

Wie die Bürger, so die Regierung
Wie unsere Bürger, so neigt auch unser Staat schnell zu Mögen oder Hassen. Wen er an einem Tag einen Freund nennt, den erklärt er womöglich im nächsten Moment zum Feind. Auch ein Land kann im Handumdrehen wieder Freund sein. Dass in unseren internationalen Beziehungen Freund- und Feindschaft von jetzt auf gleich wechseln, ist nicht neu. In den vergangenen Jahren haben wir da allerdings selbst die eigenen Rekorde gebrochen. Da ist es nur natürlich, dass auch die Gesellschaft, je nach Regierungspolitik, Freund und Feind rasant gegeneinander austauscht. Ihre Feindschaft erklärt sie dann auch gleich aller Welt mit surrealen Reaktionen und einzigartigen Boykott-Arten.

Lassen Sie mich ein Beispiel aus der Vergangenheit nennen: die Krise mit Italien 1998 wegen der Auslieferung von PKK-Chef Abdullah Öcalan.
Die Terrororganisation hatte damals ihr Rückzugsgebiet in Syrien, von dort steuerte Öcalan den bewaffneten Kampf gegen die Türkei, in den dortigen Camps wurden Aktivisten ausgebildet und in unser Land geschickt. Als die Türkei ein Ultimatum stellte, drängte Syrien Öcalan dazu, außer Landes zu gehen. Er flüchtete sich nach Italien, woraufhin sich die Pfeile der Türkei gegen Italien richteten. Als die Regierung in Rom das Ersuchen um Öcalans Auslieferung ablehnte, war die Empörung in der Türkei groß.

Ablehnung auf allen Ebenen
Die Reaktionen gingen weit über die Diplomatie hinaus. Fast alle Kreise im Land empörten sich gegen Italien. Im Fernsehen lief ein Spot mit einem Nudelgericht, übergossen mit Blut statt Soße. Darin wurde zum Protest gegen Italien und zum Boykott seiner Produkte aufgerufen, am Ende hieß es: „Taucht eure Nudeln nicht in Blut.“ Gegen italienische Produkte rollte eine Protestlawine an. Kühlschränke made in Italy und mit italienischer Lizenz in der Türkei von einer türkischen Firma produzierte Autos wurden auf den Straßen abgefackelt. Fußballvereine zogen Trikots mit Werbung eines italienischen Unternehmens aus, der Staat entfernte italienische Kanäle aus dem Kabelfernsehen.
Türkische Textil- und Möbelfirmen, die zur Verkaufsförderung italienische Namen gewählt hatten, bereuten den Fehler ihres Lebens. Manche sahen sich gezwungen, ganzseitige Zeitungsanzeigen zu schalten: „Wir sind eigentlich Türken.“ Zuvor gekaufte italienische Hemden und Seidenkrawatten wurden nun aus Protest gegen Italien öffentlich verbrannt. Nutella, produziert von einer italienischen Firma, blieb in den Supermarktregalen stehen. Eine Schauspielerin, die in Rom geboren worden war und deshalb Perihan die Römerin genannt wurde, trat im Fernsehen auf und bat darum, nicht länger als Römerin bezeichnet zu werden.

Die Stimmung kann schnell umschlagen
In solchem Wahn begann das Jahr 1999. Weder die verbrannten Krawatten noch die ungegessene Schokocreme brachte Öcalan aus Italien zurück. Allerdings sah Italien sich genötigt, Öcalan zur Ausreise zu drängen.
Von dieser Krise mit Italien ist nichts geblieben. Heute essen wir wieder Spaghetti mit Gusto und fahren auch gern wieder italienische Autos. Doch sobald unsere Regierung einem Land gegenüber seine Haltung ändert, tragen wir, kaum dass wir wütend sind, unsere Empörung auch wieder auf die Straße. Als Erdogan Israel vor einigen Jahren zu einem Terrorstaat erklärte, gab es Leute, die im Supermarkt Coca-Cola kauften und gemeinsam auf die Straße kippten. Manche hängten Cola-Literflaschen sogar an Stricke, um Israel symbolisch hinzurichten.

Proteste in Supermärkten und auf der Straße
Auch bei Spannungen mit Deutschland und Holland war es nicht anders. Vergangene Weihnachten hielten junge Männer in einem Einkaufszentrum aus Protest gegen Deutschland dem Weihnachtsmann eine Pistole an die Schläfe. Aus Protest gegen Holland stach die Parteijugend der AKP auf Apfelsinen ein. Ein Landwirt beschloss sogar, seine holländischen Kühe auszuweisen. Als Nation und Staat taten wir damals alles, um unserer Wut auf Holland Ausdruck zu verleihen. Die Regierung erinnerte mehrmals daran, dass Holland seinerzeit vor dem Massaker der Serben in Srebrenica die Augen verschlossen hatte.
Vergangene Woche aber geschah Folgendes: Erdogan besuchte Serbien. Selbstverständlich verlor er kein Wort über das Massaker. Vor sieben Monaten hatte er sich darüber empört, dass Holland bei dem Massaker zugeschaut hatte, nun sagte er über Serbien: „Wir haben uns dort wie zu Hause gefühlt.“ Die holländischen Kühe sind mittlerweile abgeschoben, also unterzeichnete Erdogan mit Serbien auch gleich ein Abkommen für Fleischimporte.

Bloß keine „amerikanischen Haarschnitte“ mehr
Unsere jüngste Krise kennen Sie. Nachdem zwei türkische Angestellte des amerikanischen Generalkonsulats wegen angeblicher Unterstützung einer Terrororganisation verhaftet worden waren, hatten die Vereinigten Staaten die Visavergabe an Türken ausgesetzt. Ankara zahlte das unverzüglich mit gleicher Münze heim: Amerikaner sollten an den Grenzen kein Visum mehr erhalten.
Die Spannungen mit Amerika setzten, wie jede Krise, natürlich einige Landsleute in Bewegung. Der erste Schlag wurde gegen den „amerikanischen“ Bürstenschnitt geführt; die an den Seiten und im Nacken raspelkurze Herrenfrisur wurde verboten. Ein Friseurverband in einer Stadt am Schwarzen Meer verlangte von seinen Mitgliedern per Rundschreiben, Kunden keinen „amerikanischen Schnitt“ mehr zu verpassen. Ob dieses Verbot das Weiße Haus bis ins Mark traf, entzieht sich unserer Kenntnis. Einen Salat aber mussten wir trotzdem umbenennen.

Ein Salat wechselt mehrmals den Namen
Diesen Salat lernten wir einst von Weißrussen kennen, die auf der Flucht vor der bolschewistischen Revolution nach Istanbul gekommen waren. Er gehörte zum Standardangebot der Restaurants, die sie hier aufmachten: gewürfelte Tomaten, Essiggurken, Karotten und Erbsen, das Dressing ein Mix aus Mayonnaise und Joghurt. Die aus Weißrussland stammende Speise war beliebt und hieß „russischer Salat“ – bis wir in die Nato eintraten und gegen die Sowjets Stellung bezogen.

Da wurde alles verboten, was an die Russen erinnerte: Sozialistische Parteien wurden verboten, kommunistische Schriftsteller und Dichter verhaftet. Dem Zeitgeist entsprechend musste auch der russische Salat umbenannt werden. Fortan hieß er „amerikanischer Salat“ – bis vor zwei Wochen: Als die Amerikaner uns brüskierten, erhielt er seinen alten Namen zurück. Besser als die Geschichte des russischen Salats fasst wohl kaum etwas die türkische Außenpolitik der vergangenen siebzig Jahre zusammen, die selbst wie Salat anmutet.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.
Quelle: F.A.Z.

Heinz K

Dissident

Beiträge: 4 087

Wohnort: Kölle

Beruf: Multimilliardär, Philanthrop, UN-Botschafter, Menschenhändler

  • Nachricht senden

84

Mittwoch, 25. Oktober 2017, 15:24

Hachja, sind Menschen nicht wunderbare Geschöpfe? :D

Ähnliche Themen

Counter:

Hits heute: 543 | Hits gestern: 1 070 | Hits Tagesrekord: 28 333 | Hits gesamt: 6 112 593 | Klicks pro Tag: 8 373,21 | ScounterStart
Liveticker
20. Juni 2017, 10:16:
Richmodis hat ein Bild von Richmodis kommentiert.
19. Juni 2017, 11:24:
agrippinensis hat ein Bild von Richmodis kommentiert.
7. Juni 2017, 22:16:
Richmodis hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
13. Mai 2017, 11:15:
agrippinensis hat ein Bild von Compikoch kommentiert.
12. Mai 2017, 16:23:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
19. April 2017, 22:31:
agrippinensis hat ein Bild von Richmodis kommentiert.
19. April 2017, 22:22:
Richmodis hat ein Bild von Richmodis kommentiert.
19. April 2017, 14:00:
escape hat ein Bild von Richmodis kommentiert.
19. April 2017, 11:08:
agrippinensis hat ein Bild von Richmodis kommentiert.
17. April 2017, 23:58:
Richmodis hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
12. März 2017, 10:32:
escape hat ein Bild von Richmodis kommentiert.
10. März 2017, 22:32:
Richmodis hat ein Bild von Richmodis kommentiert.
6. März 2017, 10:08:
agrippinensis hat ein Bild von Richmodis kommentiert.
4. März 2017, 17:34:
Richmodis hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
18. Februar 2017, 13:51:
escape hat ein Bild von Richmodis kommentiert.
16. Februar 2017, 00:18:
agrippinensis hat ein Bild von Richmodis kommentiert.
15. Februar 2017, 19:37:
Richmodis hat ein Bild von Richmodis kommentiert.
15. Februar 2017, 18:30:
Richmodis hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
14. Februar 2017, 18:50:
agrippinensis hat ein Bild von Richmodis kommentiert.
14. Februar 2017, 13:14:
escape hat ein Bild von Richmodis kommentiert.
29. Januar 2017, 19:01:
Compikoch hat ein Bild von Compikoch kommentiert.
24. Januar 2017, 13:58:
escape hat ein Bild von heinz k 2 kommentiert.
23. Januar 2017, 20:05:
heinz k 2 hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
23. Januar 2017, 20:01:
heinz k 2 hat ein Bild von Compikoch kommentiert.
23. Januar 2017, 16:21:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
18. Oktober 2016, 13:32:
escape hat ein Bild von heinz k 2 kommentiert.
17. Oktober 2016, 11:18:
agrippinensis hat ein Bild von heinz k 2 kommentiert.
16. Oktober 2016, 18:04:
heinz k 2 hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
13. Juni 2016, 14:43:
agrippinensis hat den Blogeintag Respekt Alte von immewigger kommentiert.
10. Juni 2016, 12:28:
agrippinensis hat den Blogeintag Kasse 3 für Sie von Marbez kommentiert.
6. Februar 2016, 21:40:
Mindfreak hat den Blogeintag Arabische Intellektuelle sind selten von fruechtetee kommentiert.
5. Februar 2016, 12:42:
Compikoch hat den Blogeintag Arabische Intellektuelle sind selten von fruechtetee kommentiert.
4. Februar 2016, 20:48:
Robbespierre13 hat den Blogeintag Arabische Intellektuelle sind selten von fruechtetee kommentiert.
6. Dezember 2015, 14:15:
agrippinensis hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
6. November 2015, 00:12:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
6. November 2015, 00:12:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
6. November 2015, 00:12:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
6. November 2015, 00:12:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
6. November 2015, 00:12:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
6. November 2015, 00:12:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
6. November 2015, 00:12:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
6. November 2015, 00:12:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
6. November 2015, 00:12:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
6. November 2015, 00:12:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
6. November 2015, 00:12:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
6. November 2015, 00:12:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
6. November 2015, 00:12:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
6. November 2015, 00:12:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
6. November 2015, 00:12:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
6. November 2015, 00:12:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
6. November 2015, 00:12:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
6. November 2015, 00:12:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
6. November 2015, 00:12:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
6. November 2015, 00:12:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
5. November 2015, 10:29:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
5. November 2015, 10:29:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
5. November 2015, 10:29:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
5. November 2015, 10:29:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
5. November 2015, 10:29:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
5. November 2015, 10:29:
Compikoch hat ein neues Bild in seine Galerie hochgeladen.
15. März 2015, 21:38:
Compikoch hat den Blogeintag Respekt Alte von immewigger kommentiert.